Manchmal meint man Menschen an ihrer Kleidung ansehen zu können, von wo sie gerade kommen mögen. Lässt die Wanderkleidung eine vorausgegangene Bergtour vermuten, Anzug und Kleid ein gehobenes Dinner-Event, verrät der Schlabberlook vielleicht einen Abend auf der Couch. Bei Konflikten in der Paarbeziehung ist das erfahrungsgemäß meist weniger offensichtlich – denn worüber gestritten wird und wo der eigentliche Ursprung eines Konflikts liegt sind oft zwei unterschiedliche Dinge. Eine unbedachte Bemerkung zur falschen Zeit, Missverständnisse bei der Care-Arbeit oder das Vergessen einer gemeinsamen Abmachung lassen die Emotionen plötzlich derart hochkochen, dass sich rückblickend Beide über die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung wundern.
Vielleicht habt auch ihr Konflikte und Themen die immer wieder auftauchen und eure Beziehung belasten. Oder ihr möchtet einfach eure eigene Beziehungsdynamik besser verstehen. In diesem Artikel helfe ich euch genau dabei – mit einem wertvollen Tool aus der systemischen Paartherapie: drei Ebenen auf denen Paare miteinander tanzen und manchmal auch aus dem Takt geraten. Das Modell ist hilfreich um miteinander ins Gespräch zu kommen und Beziehungsdynamiken in ihrer Tiefe zu verstehen. Das Modell wurde in dieser Form von Ingo Wölfl (SYSCOACH) entwickelt.
Zunächst stelle ich euch die Ebenen vor (theoretischer Teil), leite dann eine Übung an die ihr selbstständig durchführen könnt (Selbsterfahrung) und teile zum Schluss noch meine eigenen Erfahrungen aus der systemischen Praxis zu diesem Modell (Praxisbezug). Wenn ihr überlegt eine systemische Paarbegleitung in Anspruch zu nehmen, können die gewonnenen Erkenntnisse aus der Übung weiterhin ein wertvoller Ausgangspunkt für ein erstes gemeinsames Gespräch sein.
Die drei Tanzflächen: Systemebenen einer Paarbeziehung
Nach Ludwig von Bertalanffy „kann ein System als eine Menge von Einheiten definiert werden, die miteinander in Beziehung stehen.“ In diesem Sinne ist auch ein Paar mehr als die Summe seiner Einzelteile, mehr als die Einzelpersonen an sich. Ähnlich der Zoom-Funktion einer Kamera oder eines Mikroskops lassen sich so unterschiedliche Systemschichten definieren, die in ihrer Feinheit und Tiefe entweder zu- oder abnehmen, je nach Abstand des Betrachtenden.
Ist zunächst nur das Paarsystem in Abgrenzung zu äußeren Systemen wie dem Freundeskreis, der Herkunftsfamilie oder dem Kollegium erkennbar, unterscheidet der forschende Blick bald schon unterschiedliche Schichten innerhalb des Paarsystems selbst. Die Untersuchung dieser Systemebenen ist ein hilfreiches Werkzeug systemisch Beratender, um sich nicht von den oberflächlichen Verwehungen eines Konflikts ablenken zu lassen und die Beziehungsdynamik eines Paares in ihrer ganzen Tiefe sichtbar werden zu lassen.
Die Ebene der seelischen Intimität:
Eigenständigkeit & Verbundenheit
„Ein gutes Paar, ist ein gutes ICH und ein gutes ICH.“
Die Ebene der seelischen Intimität ist zuverlässiger Content-Lieferant für die Vielzahl an Podcasts, Ratgebern und Instagram Reels. Denn hier wird die Dynamik von Unterschiedlichkeit und Verbundenheit, der Wunsch nach Bindung und Autonomie verhandelt (auch auf diesem Blog findest du einen thematisch dazu passenden Artikel „Bindungsangst in Beziehungen – Teil 1: Die Rolle der Gefühle“.)
Der bekannte US-amerikanische Psychologe, Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der selbstbestätigenden Intimität und meint damit die Fähigkeit bei sich zu bleiben, während man gleichzeitig die Beziehung zum Anderen lebt und gestaltet. Übersetzt für den Alltag bedeutet dies, dass man die eigenen Aussagen für sich selbst validieren kann, selbst wenn der Beziehungspartner es möglicherweise nicht tut. Und hier sind wir bei einem Kerngedanken der systemischen Betrachtung von Paarbeziehungen angekommen: die Akzeptanz des Unterschieds ermöglicht die Verbindung. Oder auch „ich muss nicht wie du sein, um dir nah sein zu können.“
Doch wie bewahrt man nun die Eigenständigkeit in der Verbindung mit einer anderen Person? Wo es sich doch schnell so anfühlen kann, als ob man droht sich selbst dabei aufzulösen? Die Antwort liest sich einfacher, als es die Umsetzung zunächst zu sein scheint: in dem ich mich meinem Gegenüber ehrlich zeige, mit dem was mich ausmacht, bewegt und beschäftigt. Indem ich mich zumute. So wird der selbstbestätigende Kontakt möglich. So werden aufkommende Ängste und Bewegungen (kurz: Beziehungsdynamik) als Zeichen echten Kontakts erkannt und nicht länger vermieden.
Frage zur Selbstreflexion:
Gibt es Beispiele aus deiner eigenen Geschichte, wo Verbindung möglich war trotz eurer Verschiedenheit? Was wurde dadurch möglich?
Die Ebene der sexuellen Intimität:
Führung & Hingabe
Die Ebene der sexuellen Intimität neigt dazu sowohl im Kontext der professionellen Paarbegleitung als auch im Paargespräch selbst der Tabuisierung anheim zu fallen. Oft verhindern Gefühle von Scham und Angst vor Ablehnung die aktive Auseinandersetzung mit den für die gemeinsame Lust so wertvollen Fragen:
- „Was ist die Beschaffenheit und der Inhalt meiner Sexualität und wie sieht die deinige eigentlich aus?“
- „Was gilt bei uns als normal und wessen Normalität dominiert unsere Sexualität?“
- „Wer setzt wie Grenzen? Wie werden sie kommuniziert und wie werden sie aufgenommen?“
- „Welche sexuellen Fantasien beschäftigen mich? Welche Wünsche leite ich daraus konkret an meine Beziehungspartner ab und kommuniziere ich diese auch offen? Welche dieser Wünschen wollen wir gemeinsam in die Handlung bringen?“
Nach Schnarch ist die Sexualität eines Paares nicht als Spiegelbild der Beziehung zu betrachten, sondern als eigenständiges System mit eigener Sprache und Verhandlungslogik. Lag der Ebene der seelischen Intimität noch die Dynamik von Unterschiedlichkeit und Verbundenheit zugrunde, bestimmt nun die Ambivalenz von Führung und Hingabe den Diskurs. Dies drückt sich ganz plastisch im Wunsch nach Aufregung, Spontanität und körperlicher Erfahrung im sexuellen Miteinander aus.
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Im Newsletter teile ich regelmäßig weitere Einblicke aus der systemischen Paarberatung – kompakt, praxisnah und direkt aus der Arbeit mit echten Paaren und ihren Beziehungsthemen.
Die Ebene der Alltagsbeziehung:
Verbindlichkeit & Gleichwertigkeit
„Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen.“
Als letzte der drei vorzustellenden Ebenen sind wir nun bei der Alltagsbeziehung und damit bei der Dynamik von Verbindlichkeit und Gleichwertigkeit angelangt. Hier entscheidet sich, ob eine Beziehung im Alltag gelebt werden kann und möchte. Im Unterschied zum sexuellen Begehren wird jetzt die Frage nach Vorhersehbarkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit wichtig. Konflikte welche zunächst auf emotionaler oder sexueller Ebene verortet werden, finden oftmals hier ihren eigentlichen Ursprung.
Der Grad der Verbindlichkeit lässt sich meist leicht daran ablesen, ob einmal getroffenen Aussagen auch entsprechende Handlungen folgen. Dies kann die Absprachen im gemeinsamen Alltag mit Kindern betreffen, die Planung gemeinsamer Urlaube oder auch die Wertschätzung von Ritualen in der Paarbeziehung. Die Frage nach der Gleichwertigkeit muss dagegen deutlich genauer betrachtet werden, da unausgeglichene Machtverhältnisse nicht immer offensichtlich sind.
Gerade im Hinblick auf verinnerlichte Rollenbilder und diskriminierende, geschlechtsspezifische Ungleichheiten ist der Anteil der Care-Arbeit miteinzubeziehen: Wer kümmert sich wie viel um die Kinder und/oder den gemeinsamen Haushalt? Was wird durch die Bindung dieser Zeit verhindert, im Blick auf Ausbildung und Einkommen? Nicht nur momentan, sondern auch im Hinblick darauf, was später nicht mehr nachgeholt werden kann? Wie abhängig sind wir jeweils, sollte die jeweils andere Person nicht mehr Teil unseres Lebens sein?
Doch Macht zeigt sich auch in den persönlichen Wichtigkeiten der Beziehungspartner: Was ist mir wichtig und was ist verhandelbar? Systemisch betrachtet ist die Person mächtiger, die weniger will. Investiert beispielsweise A viel Zeit und Energie in die gemeinsame Urlaubsplanung, kann B diese Pläne rein durch Passivität verhindern. Möchte C anders als D keine Kinder bekommen, ist der gegenwärtige bereits der gewünschte Zustand. Verliert im Falle einer Trennung eine der Personen (B, C) also „lediglich“ die Beziehung, kommen der anderen Person auch die Fantasien zu dieser Beziehung abhanden.
Frage zur Selbstreflexion:
Was ist mir wichtig und was ist für mich nicht verhandelbar? In welchen Bereichen möchte ich mehr, in welchen weniger als mein Beziehungsmensch?

Übung: Das offene Ohr
Systemisch betrachtet haben wir im Kontext einer Paarbeziehung sowohl eine Beziehung zur anderen Person, als auch eine Beziehung zur gemeinsamen Beziehung. Die folgende Übung ist derart gestaltet, dass wir eine echte Mitteilung darüber bekommen, was unsere Beziehungspartner in Bezug auf diese gemeinsame Beziehung fühlen und denken. So wird ein bewusstes Erleben, eine aktive Auseinandersetzung und gemeinsame Gestaltung möglich.
Fazit: Irritation als Wegbereiter der Verbundenheit
Auf dem Weg sich als Paar tiefer kennen- und verstehen zu lernen, widerspricht der Titel meines Fazits möglicherweise dem initialen Bauchgefühl. Doch wie im Absatz zur Ebene der seelischen Intimität beschrieben, braucht es das ehrliche Zeigen und Zumuten, damit ich als Mensch wirklich sichtbar und greifbar werde. Besonders in der Anfangsphase einer Beziehung ist das Bild das wir voneinander haben am größten. Wenn sich darin Risse zeigen, kann das erstmal schmerzhaft sein und bedarf der inneren Einordnung.
Doch dies ist genau der Grund, warum Irritationen zum Klebstoff der Beziehung werden: sind Dankbarkeit und Humor der Kit im Alltag, bildet die gemeinsam erarbeitete Resilienz die Struktur welche eine Langzeitbeziehung letztendlich tragen kann. Es macht manchmal Angst, eine andere Meinung zu vertreten. Zu widersprechen. Die Angst alleine zu sein bzw. verlassen zu werden, spielt im Hintergrund ganz selbstverständlich leise mit. Löst die verursachte Irritation beim Gegenüber möglicherweise Wut, Enttäuschung oder Trauer aus, geht es jetzt darum im Kontakt zu bleiben und gemeinsam durch diese Gefühle hindurchzugehen. So entsteht die Verbundenheit.
In der systemischen Paarberatung bzw. -therapie ist es möglich, diese Prozesse begleitet zu durchleben. Gerade bei Themen und Konflikten die uns stärker belasten als andere, kann dies eine enorme Erleichterung sein, sich wirklich zu öffnen, zu zeigen und zuzumuten. Meldet euch jederzeit gerne, wenn ihr daran Interesse habt. Für eine erste Nachricht muss noch nicht klar sein, um was es inhaltlich genau gehen soll. Auch dafür ist die systemische Paarberatung da: gemeinsam sichtbar zu machen, worüber schon so lange gesprochen werden möchte.

Thomas Scheuring begleitet Menschen in systemischer Einzelberatung und Paarberatung dabei, ihre Beziehungsmuster besser zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Seine Schwerpunkte sind Bindung, Kommunikation und persönliche Entwicklung.